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Run-offs – nicht so schlecht wie ihr Ruf

Sogenannte Run-offs bei Lebensversicherern sorgen in letzter Zeit zunehmend für Schlagzeilen. Dabei ist der Tenor der Medien zu diesem Thema oftmals mit einem negativen Beigeschmack versehen. Schlagzeilen wie "Der Reiz der Resterampe" (Handelsblatt vom 14.10.2016), "Angst vor dem Ausverkauf" (Frontal 21 vom 13. Februar 2018) oder "Lebensversicherer: Versagen in der Altersvorsorge" (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.11.2017) schüren nicht selten Ängste oder rufen Verunsicherung bei Verbrauchern hervor. Das ohnehin nicht glänzende Image der Lebensversicherer in Deutschland hat dadurch weitere Kratzer abbekommen. Dieser Fachartikel will einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte leisten und die Chancen und Risiken eines Run-offs für betroffene Versicherte aufzeigen.


Was ist ein Run-off?

Ein Run-off ist gekennzeichnet durch die Einstellung von Zeichnungsaktivitäten in bestimmten Geschäftsfeldern. Somit werden dem Altbestand (Run-off-Bestand) keine neuen Kunden und Verträge mehr zugeführt. Anders als bei einer Liquidation erfolgt ein Run-off nicht aus der wirtschaftlichen Not heraus, sondern eher aufgrund von strategischen Erwägungen. Ein Run-off-Bestand kann aktiv oder passiv gemanagt werden. Im Rahmen von passiven Run-offs werden keine gezielten Maßnahmen ergriffen, die die Reduktion des Run-off-Bestands zum Gegenstand haben. Die Verträge verbleiben bis zur Abwicklung im Unternehmen. Bei einem aktiven Run-off ist der Versicherer dagegen bestrebt, den Run-off-Bestand zu reduzieren, um sich möglichst ertragreich aus dem Geschäftsfeld zurückzuziehen. Dies kann z. B. durch die Übertragung des Run-off-Bestands an eine Run-off-Plattform (Konsolidierungsplattform) erfolgen. Solche aktiv gemanagten Run-offs durch Bestandsübertragung an eine dritte Partei sind in den Fokus der Öffentlichkeit geraten und Hauptgegenstand dieses Artikels.

 

Bereits 1,8 Millionen Verträge auf Run-off-Plattformen

Run-offs sind an und für sich nichts Neues. Bei Rückversicherern sowie auch bei Schaden-Unfallversicherern sind Run-offs schon seit den frühen Nullerjahren gängige Praxis. Diese Run-offs waren weniger aufsehenerregend als die ersten Transaktionen aus dem Lebensversicherungsbereich. Kein Wunder, schließlich gilt die Lebensversicherung mit mehr als 85 Millionen verwalteten Hauptverträgen als des Deutschen liebstes Kind. Zudem geht es bei vielen dieser Verträge um nichts Geringeres als den Aufbau von Vermögen für das Alter. Inzwischen werden bereits rund 1,8 Millionen Verträge von Run-off-Plattformen verwaltet. Mit rund einer Million Policen hat sich die Viridium-Gruppe als Marktführer im noch jungen Markt für Konsolidierungsplattformen positioniert. So verwaltet die Viridium Gruppe die Verträge der Heidelberger Lebensversicherung, der Skandia Lebensversicherung und der Entis Lebensversicherung. Die Frankfurter Leben-Gruppe wiederum hat Altbestände von der Basler Leben AG Direktion für Deutschland und der Arag Leben übernommen und kommt insgesamt auf rund 420.000 Verträge. Schließlich ist noch die Athene Lebensversicherung zu nennen, die rund 350.000 ehemalige Delta-Lloyd-Verträge verwaltet.

 

Run-offs sind genehmigungspflichtig  

Viele von Run-off-Transaktionen betroffene Kunden sorgen sich um ihr Geld und befürchten, dass sie weniger Überschüsse auf ihre Verträge erhalten. Sind die Sorgen berechtigt? Zur Klärung dieser Frage müssen einige aufsichtsrechtliche Aspekte betrachtet werden. Dabei ist zunächst festzustellen, dass Run-off-Transaktionen von der Versicherungsaufsicht genehmigt werden müssen. Die Versicherungsaufsicht prüft dabei, inwieweit die Interessen der Versicherten gewahrt sind. Nur wenn sichergestellt ist, dass dies der Fall ist, wird die Transaktion zugelassen. Für Run-off-Plattformen gelten zudem dieselben gesetzlichen Regelungen wie für Versicherungsunternehmen. Damit gilt für Run-off-Bestände auch die Mindestzuführungsverordnung. Diese schreibt vor, dass mindestens 90 Prozent der Kapitalerträge den Versicherten weiterzugeben sind. Ferner müssen mindestens 90 Prozent der Risikogewinne den Versicherten zugutekommen. Risikogewinne entstehen, wenn die Summe der Auszahlungen für Versicherungsleistungen niedriger ausfällt als angenommen. Da Versicherer eher vorsichtig kalkulieren, entstehen regelmäßig Risikogewinne. Darüber hinaus schreibt das Gesetz vor, dass 50 Prozent des übrigen Ergebnisses an Kunden weiterzuleiten sind. Hierunter fallen beispielsweise Kostenüberschüsse, die aus einer effizienteren Verwaltung entstehen.

 

Überschussbeteiligung – kein Wettbewerbselement für Run-off-Gesellschaften

Selbstverständlich müssen die Run-off-Gesellschaften auch die in den Verträgen festgeschriebenen Garantieverpflichtungen einlösen. Vor diesen genannten Hintergründen haben betroffene Kunden zunächst erst einmal nicht viel zu befürchten. Allerdings lohnt die nähere Betrachtung beim Thema Überschussbeteiligung. Denn anders als bei Versicherungsunternehmen, stellt die Überschussbeteiligung für Run-off-Gesellschaften kein Wettbewerbselement dar. Da die Neukundengewinnung nicht zu deren Geschäftsmodell gehört, brauchen sie nicht mit hohen Überschüssen zu werben. Insofern besteht an dieser Stelle grundsätzlich das Risiko, dass Run-off-Gesellschaften nur die Mindestanforderungen erfüllen und keine zusätzlichen Überschüsse auszahlen.

 

Geschäftsmodell mit Chancen

Demgegenüber birgt das Geschäftsmodell der Run-off-Gesellschaften auch Chancen für Kunden. Die Strategie der Konsolidierungsgesellschaften ist darauf ausgerichtet, die übernommenen Bestände möglichst effizient zu verwalten und die Kosten zu minimieren. Dazu setzen die Plattformen auf eine IT-Infrastruktur mit modernen Bestandsführungssystemen. Anders als Versicherer haben Run-off-Plattformen nicht mit historisch gewachsenen, teilweise schwer beherrschbaren Verwaltungssystemen zu kämpfen. Zudem haben die Plattformen keine Kosten für Marketing und Vertrieb. Effizienzsteigerungspotenziale sind daher grundsätzlich vorhanden. Darüber hinaus werden Skaleneffekte als Argument für die Plattformen ins Feld geführt. Durch die Größe der auf den Plattformen verwalteten Bestände sollen die Kosten pro Police relativ niedrig ausfallen, sodass Kostenvorteile entstehen. Daher sind Plattformen auch grundsätzlich auf Wachstum ausgerichtet, um solche Skaleneffekte zu generieren. Für die Plattformen auf dem Markt, deren Portfolio sich aus mehreren Beständen zusammensetzt, sind die Voraussetzungen für Skaleneffekte gegeben. Aufgrund der Regelungen der Mindestzuführungsverordnung würden Kunden in jedem Fall an etwaigen Kostengewinnen partizipieren.

 

Weitere Transaktionen zu erwarten

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Plattformen aufgrund des fehlenden Neugeschäfts einem permanenten Bestandsabrieb ausgesetzt sind. Bleiben weitere Bestandsübernahmen aus, können die Kostenvorteile auf lange Sicht nicht gehalten werden. Insofern kann das Geschäftsmodell nur dann dauerhaft erfolgreich funktionieren, wenn der Bestandsabrieb durch weitere Übernahmen kompensiert bzw. überkompensiert werden kann. Nach Auffassung des Autors ist aber davon auszugehen, dass weitere Versicherungsgesellschaften einen Run-off als strategische Option in Betracht ziehen und weitere Transaktionen über die Bühne gehen werden, sodass der Markt sich weiterentwickeln dürfte.

Auf der Risiken-Seite wurde aufgezeigt, dass die Plattformen mit Blick auf die Überschussbeteiligung möglicherweise nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen. Demgegenüber stehen jedoch mannigfaltige, plausible Chancen, die sich aus einer effizienteren Verwaltung und Skaleneffekten ergeben und in Kostengewinnen münden können, an denen Versicherte verpflichtend zu beteiligen sind.

 

Plattformen brauchen gute Reputation

Auf der Chancen-Seite ist zusätzlich noch zu bedenken, dass es für Plattformen wettbewerbsimmanente Anreize gibt, die sich positiv für die Versicherungsnehmer auswirken können. So kann es nicht im Interesse einer Plattform sein, erhöhte Stornoquoten in Kauf zu nehmen. Plattformen brauchen bekanntermaßen ein großes Volumen an Verträgen, um Skaleneffekte zu erzielen und das Geschäftsmodell lukrativ zu betreiben. Daher gibt es für Plattformen gute Gründe, erhöhte Stornoquoten, z. B. durch marktkonforme Überschüsse, zu vermeiden. Darüber hinaus brauchen Plattformen für weitere Transaktionen eine gute Reputation. Denn die bestandsabgebende Versicherung wird ihr Augenmerk darauf richten, dass die Kundeninteressen auch nach der Transaktion in hinreichendem Maße gewahrt sind, da anderenfalls im Nachgang Imageschäden drohen, die sich nachteilig auf die verbleibenden Geschäftsaktivitäten auswirken würden.

 

Bisherige Run-offs kein Sanierungsfall

Vor dem Hintergrund der hier diskutierten Aspekte, müssen betroffene Versicherte nicht allzu besorgt sein, auch wenn ein Run-off aus dem Blickwinkel von Kunden sicher einen ungewöhnlichen Vorgang darstellt. Einige Medienberichte haben zusätzlich zur Verunsicherung beigetragen, indem sie Run-offs mehr oder weniger subtil mit unternehmerischem Versagen gleichstellten. De facto war laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bei den bisherigen sechs genehmigten Bestandsübertragungen kein einziger Sanierungsfall dabei.

 

Insofern gibt es für Kunden gute Gründe, ihre Verträge bis zur Abwicklung zu behalten und nicht etwa zu kündigen, zumal in den Altbeständen ein hoher Anteil von Lebensversicherungen enthalten ist, der mit hohen, attraktiven Garantiezinsen versehen ist.

 

Als Beratungshaus mit langjähriger Expertise in der Versicherungswirtschaft begleitet die FINCON Unternehmen als kompetenter Partner, wenn ein Run-off als strategische Option in Betracht gezogen wird. Sprechen Sie uns gerne an.

 

Der Autor des Artikels, Burak Öztoprak, ist Consultant im Kompetenzcenter Business Consulting im Geschäftsbereich Versicherungswirtschaft bei der FINCON Unternehmensberatung GmbH und seit 18 Jahren in der Versicherungswirtschaft tätig.

 

 

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